GZ: Der 1. Weltkrieg aus Sicht einer Goslarer Mutter

© Goslarsche Zeitung vom 03.02.2015

bild0302_1.jpgStadtarchiv sucht Nachkommen der Goslarer Brauerei-Familie Haasdorf oder Quellen, die etwas über deren Geschichte und Verbleib verraten

 

Goslar. Sie tauchen tief in die Ge­schichte der Stadt ein und erforschen ein Stück Weltgeschichte im Kleinen: Ein Volkshochschulkurs übersetzt derzeit in Zusammenar­beit mit dem Stadtarchiv das Tage­buch, das die Goslarerin Klara Haasdorf 1914 bis 1918 in deutscher Schrift führte. Damit schrieb sie ein `Stück Kriegsgeschichte.

Wie war das im I. Weltkrieg? Welche Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche hatten die Menschen? Wie veränderten sich die Einstel­lungen mit Dauer des Krieges? Wie lebten sie, und wie kamen sie mit den immer knapperen Ressourcen aus? Von all dem erzählt das Tage­buch der Klara Haasdorf.
Wenn Ge­schichte so spannend ist, will man mehr – so jedenfalls erging es den Männern und Frauen, die an einem von Archivchef Ulrich Albers gelei­teten Schreib- und Lesekursus teil­nahmen – und Blut leckten. konnten es nicht lassen“, gestehen sie – es fand sich ein eigener Kurs, um das gesamte Tagebuch zu über­setzen.
Was dieses persönliche Tagebuch so wertvoll macht, ist einmal die ex­emplarische Geschichte dieser Fa­milie, aber auch die Nennung zahl­reicher Goslarer Einrichtungen und Namen; in im Archiv vorhandenen Adressbüchern der damaligen Zeit können sie nachgeschlagen, manche Verbindung geknüpft werden.

Dabei lernen die Übersetzer viel über alte Begriffe, zum Beispiel, was „Streckbutter“ ist: „Ein viertel Pfund Butter, 60 Gramm Mehl, Milch und ein Ei ergaben zusammen ein Pfund Streckbutter“, erklärt Al­bers. Eine Kursteilnehmerin erin­nert sich sogar an den Geschmack. „Die Geschichte, die wir hier lesen, ist oft mit eigenen Erinnerungen verbunden“, erläutert Albers.
Auch die Geschichte der Familie Haasdorf selbst ist nicht uninteres­sant; sie zogen 1806 von Zerbst nach Goslar in die Springerstraße 11, Ecke Hagenwinkel, und führten dort die „Gambrinus-Brauerei“. In einer Anzeige steht zu lesen: „Gustav Haasdorf empfiehlt: täglich frisches Süßbier“. Alle sechs Kinder kamen Über einen Volks­hochschulkurs bei Ulrich Albers (li.) haben sie Blut ge­leckt: Eine Gruppe Schriftinteressier­ter übersetzt die 277 Selten des Ta­gebuchs einer Gos­larerin, nur die letzten Seiten feh­len noch. Am An­fang war die Faszi­nation die Schrift, jetzt ist die Faszi­nation die Ge­schichte: Wird die Mutter am Ende wissen, welches Schicksal ihr ver­schollener Sohn erlitt? Fotos: Kempfer hier zur Welt. 1922 verzog die Fami­lie nach Walkenried; jetzt sucht das Stadtarchiv nach Nachkommen und weiteren Quellen der Familienhisto­rie, denn aus dem Tagebuch soll mithilfe des Vereins pro Stadtarchiv ein Buch werden – über „das Leben und Treiben in Goslar mit besonde­rer Berücksichtigung der Familie G. Haasdorf“. Das Ursprungs-Tagebuch besteht aus zwei Bänden, 277 Seiten; auch einige Fotos der Familie lagen dar­in. Das Stadtarchiv Uslar ist auf die Bücher gestoßen – und bot sie 2008 Albers an, der darüber sehr erfreut war: „Sie hätten es ja auch in die Tonne drücken können“, erläuter er; dann wäre ein Stück spannender Geschichte für immer verloren ge­gangen. Klara Haasdorf hat akri­bisch Buch geführt; von der Ein­kaufsliste bis zur Auflistung der Briefe, die sie an den Sohn Erich an die Ostfront schickte. „Es ist aus Muttersicht geschrieben, das rührt einen schon an“, erläutert eine Übersetzerin – und das macht wirk­lich Lust auf mehr. „Als der Krieg ausbrach, wurde in der Kaiserworth noch gefeiert“, erzählt Albers; eine Euphorie, die bei der Familie Haasdorf spätestens zu dem Zeitpunkt nachlässt, als der eigene Sohn in den Krieg ziehen muss. Er wird bald vermisst; die Stimmung kippt.